In drei Tagen zum Meer

Die letzten drei Tage haben uns alle ziemlich geschafft. Wir sind viel gefahren, weil wir dem miesen Wetter nach Süden entkommen wollten. Die Route findet sich übrigens hier zum nachsehen. Das Meer lockt. Regen und Kälte zu fünft in dem dann doch recht überschaubaren Bus lassen sich nicht besonders lange aushalten.

Freiburg – Arc-et-Senans

Der erste Tag führte uns vom Platz unserer Duschpremiere am See (hier der Eintrag dazu) nach Arc-et-Senans am Fuße des Jura. Der Grenzübergang auf der Höhe von Freiburg war unspektakulär und ohne jegliche Kontrollen schnell passiert. Wir wollten eigentlich nochmal die Vorräte auffüllen, aber da, wo der Supermarkt hätte sein sollen, war nur eine riesige Baustelle. Von dort aus wollte das Navi dann gar nicht mehr auf die Autobahn und hat uns über Schleichwege und durch ein Industriegebiet nach Frankreich geleitet.

Vive la France!

In Frankreich haben wir für den Schnäppchenpreis von 27€ die A36 bis Besançon genommen. Die Landstraße hätte wesentlich länger gedauert. Die Franzosen bauen gefühlt für jede Garageneinfahrt einen Kreisverkehr, das ist mit dem Bus einfach anstrengend.
Von Besançon aus ging es dann doch über die Landstraße, die auf diesem Stück erfreulich wenige Ortsdurchfahrten und Kreisverkehre aufwies. Beim Mittagessen bin ich (Micha) dann heftig mit Sophie aneinander geraten. Ich weiß schon gar nicht mehr genau weshalb, es hatte irgendwas mit Nudeln und Tomatensoße zu tun. Total banal. Sophie beschloss dann, auszuwandern, hat sich ihre Schuhe angezogen und ist in den strömenden Regen raus (mit den Worten: „Dann geh ich eben in den Wald und komme nicht wieder“). Nachdem das Essen vorbei und der Kaffee getrunken war, habe ich mich mit zwei Ponchos (einer gegen den Regen für mich, einer aus dicker Wolle für Sophie) auf die Suche gemacht. Ich hatte mir schon gedacht, dass Sophie in Ronja Räubertochter Manier keinen Weg genommen hatte, sondern einfach in den Wald gestapft war. Nach einigem Suchen hörte ich sie dann auch rufen. Sie hatte sich irgendwo in dem unübersichtlichen Wald verirrt und war total aufgelöst. Die Schuhe waren durch klebrigen Lehm auf die doppelte Größe und das vierfache Gewicht angewachsen. In den warmen Poncho gepackt sind wir dann zusammen zurück zum Bus.

Dort hatte sich in meiner Abwesenheit allerdings ein weiteres Drama ereignet. Dazu muss man wissen, dass wir mittlerweile für alle Kinder ein Handy oder Tablet haben, auf dem Hörspiele und Musik gehört werden können. Ein krasser Gegensatz zu den Zeiten, in denen wir jeglichen Medienkonsum komplett vermieden hatten. Benjamin nutzt das alte Iphone 6S von Oma (mit bereits ziemlich ramponiertem Display). Benjamin ist immer sehr ungeduldig, wenn das Internet nicht funktioniert und das Hörspiel hängen bleibt. Das zeigt wohl, dass es einfach noch zu früh für ein Handy ist. Das Geknatsche deshalb (meist in sehr unpassenden Augenblicken) nervte uns zu dem Zeitpunkt bereits so sehr und so regelmäßig, dass Anna ihm das Handy aus der Hand genommen und nach hinten geworfen hat. Das gab dem ohnehin kaputten Display (nur noch zusammengehalten durch die Displayschutzfolie) den Rest. Fortan dachte das Ding die ganze Zeit, jemand würde darauf herumtippen und führte zufällig irgendwelche Aktionen aus. Also, ab in die Tonne damit. Riesen Geschrei. Großes Drama, ca. eine halbe Stunde lang. Danach war es dann seltsamerweise in Ordnung und seitdem (jetzt zweieinhalb Tage) haben wir das eigenmächtige hantieren mit Geräten komplett verboten. Wenn gehört wird, dann über das Radio im Bus. Und glaubt man es? Es ist friedlicher als bisher.

Arc-et-Senans – Chaudeyrac

Der zweite Tag war ebenfalls eher mittelprächtig. Bis hinter Lyon ging es ganz gut, dann kam die N88 als mautfreie Verbindung zur A75 quer durchs Zentralmassiv. Dass die Strecke bergig würde, war klar. Aber da diese Straße gut ausgebaut, häufig vierspurig und mit wenigen Ortsdurchfahrten und Kreisverkehren gesegnet ist, hielt ich die Idee für gut. Die Steigungen waren allerdings ziemlich heftig für eine autobahnähnliche Straße, auf der „normale“ Autos 110 fahren. So schlichen wir mit Warnblinkanlage und 30 km/h die Berge rauf. Genau einen LKW habe ich gesehen, der ähnlich langsam unterwegs war. Immerhin, geteiltes Leid ist halbes Leid. Wir hätten auch knapp 50 km/h geschafft, aber bei Geschwindigkeiten unter 55 km/h reicht der durch den Kühlergrill strömende Fahrtwind nicht mehr zur Motorkühlung. Normalerweise gibt es da einen gigantischen Kühlerventilator, der bei hoher Motortemperatur anspringt, wie eine Flugzeugturbine klingt und die Sache regelt, aber bei unserem Bus ist die Kupplung dieses Teils leider im Eimer – der springt also nicht wirklich an. Darum bleibt nur, die Geschwindigkeit noch weiter zu verringern, damit der Motor nicht überhitzt. Zwar haben wir einen elektrischen Hochleistungslüfter im Kofferraum, aber den habe ich noch nicht eingebaut, aus Zeitmangel und in dem naiven Glauben, dass er erst im Hochsommer in den Pyrenäen nötig wäre.

Während einer kurzen Croissantpause (himmlisch… warum schmecken die Dinger in Deutschland immer nach nasser Pappe?!) gab es dann einen klassischen Spontanstreit um Lappalien mit Anna (es hatte, man glaubt es kaum, mit dem Rest der Tomatensoße vom Vortag zu tun). Ich war doof, Anna war beleidigt und weigerte sich, im gleichen Raum (Bus) mit mir zu sein. Sophie war davon ziemlich betroffen. Schließlich konnten wir doch irgendwie weiter fahren, obwohl ich es noch nicht geschafft hatte, mich ehrlich zu entschuldigen (natürlich in dem vollen Bewusstsein, dass das eigentlich angebracht wäre. Aber ich bin stur und brauche dafür einfach Zeit).
Bei einer weiteren Rast steckte Sophie mir ein buntes, halbes A4 Blatt zu und meinte, ich solle mich auf die Suche nach der anderen Hälfte machen, bevor wir Frankreich verlassen. Ich ahnte bereits, worum es ihr ging, und tatsächlich: als wir weiterfahren wollten, kam Anna in den Bus und sagte „Ich weiß wirklich nicht, wo ich die andere Hälfte finden soll!“. Sophie krümmte sich giggelnd auf ihrem Sitz und ich wedelte mit dem bunten Papierfetzen herum und schaffte es endlich, mich ehrlich für meine Blödheit zu entschuldigen. Danke, Sophie!

Den Abend haben wir, wieder eine Punktlandung zur Ausgangssperre, an einem scheinbar aufgegebenen Campingplatz verbracht. Ein kleiner Fluss, eine vergammelte Minigolfbahn und ein französisches Rentnerpaar mit Hund, das ich aus allen möglichen Perspektiven vor dem Schulbus fotografieren durfte. Natürlich sprachen sie kein Englisch, aber Hände und Füße und mein unvergleichliches Französisch („Pas de problem, je suis un canard.“) reichten auch irgendwie.


Während Anna zum ersten Mal auf der Reise ein wenig Geige spielte, bastelten die Kinder und ich spontan ein paar Golfschläger aus Stöcken und Schnur, kramten ein paar Holzkugeln aus dem Kofferraum (bin ich froh, dass ich jede Menge unnützen Kram eingepackt habe) und golften, was das Grün hergab.

Chaudeyrac – Leucate Plage

Der dritte Tag war im Großen und Ganzen in Ordnung. Ordentlich (für unsere Verhältnisse) Strecke, raus aus den Tiefen des Zentralmassivs auf die A75. Spontan machen wir in Sévérac-le-Château einen Tankstop, wo wir vor einigen Jahren schon einmal waren. Wir beschließen, zum Chateau zu laufen, immerhin sitzen wir seit Ewigkeiten nur im Bus. Das Dorf ist immer wieder einen Halt wert. Interessante Infotafeln erzählen von der Vergangenheit und dem Leben dort. Besonders beeindruckend: der tiefe Dorfbrunnen, eine große Zisterne unter einem der Häuser.  Anna kehrt als erste zum Bus zurück weil sie ganz dringend aufs Klo muss und die Toiletten geschlossen sind (Danke, Corona). Ich wandere mit den Kindern noch durch das ausgestorbene Dorf. Plötzlich kommt eine wildgewordene Biene um die Ecke und fliegt immer wieder mit voller Wucht gegen meinen Kopf. Aus heiterem Himmel, richtig aggressiv. Irgendwann ziehe meinen Buff aus um zu sehen, ob da vielleicht irgendetwas dran klebt. Natürlich verfängt das Tier sich sofort in meinen Haaren und beginnt in Panik auf mein linkes Ohr einzustechen. Da hilft leider nur noch Gegengewalt und die arme Biene muss dran glauben. Sophie zieht mir den Bienenstachel aus dem Ohr und wir ergreifen die Flucht, bevor noch mehr Bienen durchdrehen, denn wir realisieren, dass da 10 Bienenstöcke in einem Garten stehen.

Das Viadukt von Millau, die größte Schrägseilbrücke der Welt und scheinbar das höchste Bauwerk Frankreichs, sieht aus der Ferne atemberaubend aus, wie es schneeweiß inmitten der grünen Berge leuchtet. Auf Bitte von Sophie (und aus Zeitgründen) haben wir die 10€ für die Überfahrt investiert. Anna hatte nicht ganz Unrecht, als sie während der Überfahrt meinte „Sieht auch nicht anders aus als die Brücke in Düsseldorf“. Sophie fand die Tatsache, dass das ganze Ding an Seilen hängt dann aber trotzdem sehr interessant.
Danach mit 50 die A75 bergab (8% Steigung) und ab durch Beziers zum Stellplatz in Gruissan, den ich extra wegen des direkten Strandzugangs ausgesucht hatte. Dort stellt sich dann (5 min vor Ausgangssperre) heraus, dass der Platz „complet“ ist. Von wegen Corona-Lockdown. Hatten die ganzen Propheten auf Facebook doch Recht – alles nur Fake, man will uns offenbar verhohnepiepeln. Das Virus gibts nicht, die Regierung macht uns nur Angst. Schließlich sind die Franzosen in bester Petanque-Stimmung mit Rotwein auf dem Wohnmobilstellplatz unterwegs.

Guter Rat ist teuer, der Stresspegel steigt, denn es ist bereits spät, wir haben Hunger und die Kinderliederplaylist läuft schon seit Stunden auf Heavy Rotation. Google sagt, es gäbe einen Stellplatz irgendwo weiter südlich, der auch direkt am Meer sei, also Motor wieder an und los gehts. Es hätte zwar nähere Plätze gegeben, aber ich wollte unbedingt direkt ans Meer, weil wir dringend eine Fahrpause brauchen und ein Platz am Strand das entspannteste für uns ist. Maya findet das überhaupt nicht gut. Sie will jetzt, bitteschön, schwimmen gehen, auch wenn es plötzlich wie aus Kübeln schüttet und es draußen schon dunkelt. Sie schreit und argumentiert abwechselnd, aber da ist leider nichts zu machen. Pedal to the metal auf der mautpflichtigen Autobahn zeigt, dass der Bus zumindest im Flachland auch jenseits der 90 noch fahrbar ist. Hauptsache schnell ankommen. Der Aerodynamische Charme einer Schrankwand wird sich dann auf der nächsten Tankrechnung niederschlagen. Benjamin hat Kopfschmerzen und Anna geht so weit, den Kindern das Tablet mit Netflix vor die Nase zu legen. Natürlich ist sofort Ruhe. Gesegnet sei der Gott der Unterhaltungselektronik.
Am Stellplatz angekommen sind wir erleichtert – jede Menge freie Plätze. Erstmal die falsche Einfahrt genommen und auf viel zu engem Raum gewendet, dann erkauft uns die Kreditkarte den rettenden Schlafplatz in einem Haufen Tupperdosen (nicht respektlos gemeint…). Schnäppchenpreis, 10,90 € für 24h. Schnelle Nudeln-mit-Tomatensoße Session, ein Kapitel „Jeremy James“ (danke, liebe Verwandtschaft, wirklich ein lustiges Buch) und ab ins Bett.

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