Valencia

Valencia

01.06

Da wir beide diesen Tag nur teilweise zusammen verbracht haben und es nicht schaffen, uns zusammen ans Schreiben zu machen, gibt es hier beide Perspektiven im Wechsel zu lesen.

Anna:
Eigentlich wollten wir ja nie wieder mit den Kindern eine Stadt besichtigen. Höchstens mal ein Dörfchen. Aber dann dachten wir: Quatsch, das wird jetzt alles anders. Die sind ja jetzt auch viel größer. Und Valencia ist bestimmt sehr sehenswert.

Damit aber auch nichts schiefgeht, bedurfte es einiger Vorbereitungen: Erst mal gucken wie wir da hin kommen. Micha hatte einen Wohnmobilstellplatz in der Nähe von Valencia rausgesucht. Von dort könnte man dann mit dem Bus günstig ins Zentrum gelangen. Und dann brauchten wir noch unbedingt einen fahrbaren Untersatz für müde und/ oder quengelige Kinder und für sämtliches Gepäck und Gepüngel für einen ganzen Tag in der Stadt. Am besten einen faltbaren Bollerwagen.
Von unserem mittelschönen Platz am sehr schönen Strand fuhren wir nachmittags los. Zwischendurch machten wir eine Pause an einem Rastplatz zum Füße vertreten und Mittagessen. 

Micha:
Valencia war schon während der Durchfahrt (Stellplatz war natürlich auf der anderen Seite…) interessant. Nicht nur die Bauwerke im ehemaligen Flussbett des Turia (der Fluss wurde nach heftigen Überschwemmungen kurzerhand aus der Stadt heraus verlegt. Das Flussbett ist jetzt ein gigantischer Park), auch der Verkehr war „spannend“. Die Kreisverkehre waren teilweise sechsspurig, allerdings scheint man in Valencia keinen besonderen Wert auf Spurmarkierungen in den Kreiseln zu legen. Sobald der Kreisverkehr beginnt, enden die Spuren. Man peilt in etwa die Zielspur auf der anderen Seite an, schmeißt sich ins Getümmel und eiert auf einer halbwegs kreisförmigen Bahn dem Ziel entgegen. Gewöhnungsbedürftig, erinnert ein bisschen an Asien, wenn auch auf einem wesentlich niedrigeren Chaoslevel.

Anna:
Der Stellplatz war wirklich schäbig. Eine Atmosphäre wie in einem amerikanischen Trailerpark: traurige heruntergekommene Hütten und Wohnwagen, Plastikmüll. Weil ich diese traurige Trailerpark Stimmung nicht ertragen konnte, machte ich mir mein gutes Hörbuch an und stiefelte los zu einem langen Spaziergang. Nach nur 5 Minuten Fußweg kam ich in ein sehr schönes Naturschutzgebiet mit angrenzendem Sandstrand. Genau das was ich brauchte für meine Seele, ich fühlte mich schon ganz zugemüllt. Wenn es nicht schon dunkel geworden wäre, wäre ich noch ewig weiter gewandert. Aber wir mussten ja noch den Bollerwagen kaufen. Ein Decathlon war in ca. 10 Minuten Fahrzeit erreichbar, und so machten wir uns noch einmal auf den Weg. 

Maya war total knatschig und gar nicht mehr vernünftig ansprechbar. Also beschlossen wir uns aufzuteilen: Micha sprang in den Laden um den Bollerwagen zu kaufen, während ich im Bus auf dem Parkplatz die Kinder bettferig machte. Zähneputzen, ausziehen, Bett ausklappen. Als klar wurde, dass es dann jetzt auch keine Gutenachtgeschichte gibt, begann eine Revolte, aber irgendwann auf dem Weg zurück zum Stellplatz sind sie dann doch eingeschlafen. Das ist eigentlich enorm praktisch! Ich meine, wer kann das schon so machen? Müde Kinder einfach nicht mit in den Laden nehmen sondern direkt und unverzüglich auf dem Parkplatz schlafen legen? Zwar war ich ein bisschen gestresst. Und die ganze Situation wurde völlig makaber, weil sich während unseres häuslichen Aufruhrs mal wieder eine ganze Menge Leute vor unserem Bus in Pose warfen, junge Frauen für schicke Fotos in Hotpants lasziv an die Motorhaube gelehnt. 

Micha:
Da waren auch noch (allerdings beim letzten Decathlon) die beiden ca 40 Jahre alten „Damen“ in knapper Bekleidung, die giggelnd einfach die Leiter am Bus hochgestiegen sind, um schöne Instagram Fotos zu machen – während wir drin saßen. Die Tür war auf, also ein halbwegs mit Normalleistung laufendes Gehirn (müssten die beiden haben, sie konnten Smartphones bedienen) konnte daraus also schließen, dass jemand drin ist. Ist es eine deutsche Eigenart, bei anwesenden Eigentümern auf das Besteigen eines Fahrzeugs zu verzichten (Oder auch bei NICHT anwesenden Eigentümern! Anmerkung von Anna!) , oder bin ich einfach spießig? Ich bin jedenfalls kurz laut geworden und die Frau ist wieder runter geklettert („Perdonne, hihihi“) immer noch giggelnd. Ich war scheinbar nicht unfreundlich genug, denn ein paar Fotos vor der Motorhaube gingen trotzdem noch.

Anna:
Am nächsten Morgen dauerte es ein Ewigkeit bis wir alle fertig angezogen, mit gekämmten Haaren (Totalverweigerung plötzlich bei Sophie wegen des Haarekämmens. Am Ende wollte sie überhaupt nicht mit nach Valencia, jedenfalls nicht mit so einer scheißblöden Familie), und auch ansonsten fertig und mit gepackten Proviant- Rucksäcken bereit für das Abenteuer waren. 
Die Busfahrt ins Zentrum war dann wirklich sehr einfach und schnell und kostete für uns alle zusammen nur vier Euro -irgendwas. So viel bezahlt man in Düsseldorf für eine Person. 

Micha wollte mit den Kindern ins Wissenschaftsmuseum. Ich wollte mir endlich einen Notenständer kaufen. Den musste ich ja zu Hause lassen, weil der Bus sonst zu voll gewesen wäre und weil man das mit den Noten ja auch irgendwie anders machen kann. Kann man aber nicht. Vor allem nicht, wenn man mit der Geige zum Üben in den Wald geschickt wird und die Noten dann ständig von der Astgabel plumpsen und die Noten vom Winde verweht werden. 
Ich hatte mir schon ein Musikgeschäft rausgesucht. Befreit von Kindern und Gepäck zog ich dann frohen Mutes davon. Der Laden war schnell gefunden und der Notenständer gekauft. Und nun? Nun fing es an zu regnen. Und ich in Sandalen. So hatte ich keine Lust Valencia zu entdecken. Außerdem hätte ich noch mal den Bus nehmen müssen, denn Valencia ist groß und das Museum und das Musikgeschäft waren nur am Rande der Stadt. Ich hätte mich ja in den Park auf eine Decke gelegt, aber nicht bei dem Regen natürlich. Also setzte ich mich ins Museumscafé um dort bei einem furchtbar süßem Pfirsichsaft die Zeit abzusitzen. Um mal einschätzen zu können wie lange das noch so dauern würde, fragte ich Micha per sms, wie es so aussieht bei ihnen. Micha erklärte, dass sie noch gar nicht im Museum waren, sondern im Planetarium, weil man anscheinend für weniger Eintrittsgeld Karten für das Museum UND das Planetarium bekommt. Also ist die Bande erst mal zu mir ins Café gekommen und die Kinder haben sich den passsüßen Saft geteilt, den hatte ich kaum angerührt. Wir beschlossen dann, dass wir erst mal Mittag essen wollten. Ich hatte ein Indisches Restaurant rausgesucht bei dem es auch viel Veganes gibt. So was wollten wir uns ausnahmsweise mal gönnen. Der dreißigminütige Fußweg sorgte trotz des Bollerwagens für einigen Unmut. Als wir dann endlich vor unserem (sehr leckeren) Essen saßen, hingen Maya und Benjamin schon horizontal auf den Stühlen. 

Da ging nichts mehr. Gut, dass wir am Vorabend den Wagen erstanden hatten.

Micha:
Schon die Architektur des Museumskomplexes war beeindruckend. Supermodern, aber trotzdem (für mich) sehr ansprechend. Die Kinder fanden es auch toll. Meine spontane Begeisterungsnachricht an Freund Chris in Deutschland (seines Zeichens Architekt vom Dienst) brachte dann auch sofort den Namen des Architekten („Calatrava“) und eine kurze Charakterisierung („Ziemlicher Freak. Aber spannende Architektur“). Kann ich nur zustimmen. Um so etwas zu bauen muss man wohl zumindest ein bisschen Freak sein.
Eigentlich hatte ich total Lust, da stundenlang zu fotografieren, aber das Wetter war mies und ich hatte ja sozusagen Kinderdienst (Anna war an dem Tag körperlich nicht besonders fit).

Nein, ich spiele nicht den Romeo (war auch in Verona, glaube ich). In dem Käfig konnte man sehen, wo die Sonnenbahn zu welcher Jahreszeit verläuft.
Ja, die Schlange vor dem Museum geht einmal um das riesige Bassin herum… Nein, da stell‘ ich mich mit den Kindern jetzt nicht an!

Glücklicherweise entpuppte sich die Schlange als Warteschlange des lokalen Impfzentrums, das im Museum eingerichtet worden war. Glück gehabt. Weil es mittlerweile allerdings 12 Uhr war und die Kinder entsprechenden Hunger hatten, habe ich kurzerhand das gesagt, was ich selten sage: „Hier sind die Kekse. Stopft so viele rein wie Ihr könnt.“ – Zum Inder (hatte Anna raus gesucht, war allerdings etwas weiter weg) und zurück latschen bevor wir ins Museum gehen wollten wir nämlich nicht. Also, Kekspackung auf und mit beiden Händen rein schaufeln!

Hier wird gerade ein Vergleichsfoto geschossen, um beim nächsten Vollmond zu überprüfen, ob die sichtbare Mondseite wirklich so aussieht wie auf dem Modell.

Die Frau am Ticketschalter sprach zwar englisch, aber ich habe sie trotzdem nicht richtig verstanden. Sie behauptete die ganze Zeit, dass sie mir sehr dazu raten würde, das Kombiticket Planetarium-Museum zu kaufen. Das sei billiger.
Ja, klar. Kombiticket ist auf den einzelnen Eintritt umgerechnet natürlich billiger, aber ich will ja gar nicht ins Planetarium. Ich lass mich doch hier nicht veräppeln! Also wollte ich das Kombiticket nicht. Bin ja ein schlauer Tourist und weiß mich zu wehren… Glücklicherweise hielt die Frau mich für unterbelichtet und hat es immer wieder versucht, denn siehe da: Ich bin gar nicht so schlau wie ich dachte. Es ist tatsächlich günstiger (6€ vs. 8€), ein Kombiticket zu kaufen. Ich habe keine Ahnung, weshalb.
So kamen die Kinder unverhofft in den Genuss eines 3D-Films im Planetarium (allerdings nur auf spanisch, catalan, französisch und englisch. Hat aber niemanden gestört).
Danach war dann erstmal nichts mehr mit Museum, das Keksglykogen war aufgebraucht, wir mussten also doch zum Restaurant bevor wir das Museum besuchen.

Anna:
Später, zurück am Museum war ich dann soweit. Ich hatte gar keine Energie mehr. Außerdem waren meine Sandalen kaputt gegangen. Für Micha war es in Ordnung, dass ich zurück fahre. Nachdem ich vierzig Minuten lang die Bushaltestelle gesucht hatte, ging es für mich dann endlich zurück zum Bus. Ich bin dann da sofort eingeschlafen. 

Micha:
Das Essen war lecker, dazu gab es ein indisches Bier. Mir ging es danach körperlich allerdings nicht mehr so richtig gut.

Man muss dazu wissen, dass mein Körper ist im Bezug auf einige alkoholische Getränke sehr merkwürdig reagiert: selten bekomme ich nach dem Genuss eines einzigen Glases Bier oder Wein einen nicht enden wollenden Schluckauf, verbunden mit einer laufenden Nase, Erschöpfung und einem allgemeinen Unwohlsein. Mir geht es dann richtig mies, ich habe die gleichen Symptome, als hätte ich einen über den Durst getrunken und wäre total besoffen – nur ohne die neuronale Minderleistung. Bisher konnte mir niemand erklären, woran das liegt. Eine Unverträglichkeit irgendeines Inhaltsstoffs? Dann müsste es doch immer so sein? Tritt auf bei Wein und kohlensäurehaltigem Bier. Sachdienliche Hinweise nehme ich gerne entgegen…

Die Orange hat Sophie an einem Baum an der Straße gefunden. War aber vermutlich vom Vorjahr.
Maya ist, der Miene nach zu urteilen, noch nicht ganz wach.

Jedenfalls ging es in diesem Zustand mit den drei Kindern ins Museum. Natürlich mit Maske. Die muss man in Spanien überall, auch draußen, tragen. Normalerweise habe ich kein Problem mit den Masken, teilweise vergesse ich einfach, sie auszuziehen. Nicht so heute: das Ding war eine richtige Qual. Ich hatte das Gefühl, darunter keine Luft zu bekommen und musste mir außerdem ständig die Nase putzen, hatte allerdings bald keine Taschentücher mehr. Also die Kleinen in Sophies Obhut gegeben (die waren ohnehin damit beschäftigt, aus Schaumstoffsteinen ein Haus zu konstruieren, dass der große böse Wolf in Form eines gigantischen Gebläses nicht umblasen konnte) und ab aufs Klo. Leider gab es nur eine einzige Klokabine und da wartete bereits ein Mensch vor, der kein Englisch sprach. Als das Klo dann frei wurde, habe ich versucht mir schnell ein wenig Papier zu schnappen. Meine Güte, war der aufgebracht. Der dachte, ich wollte ihm seinen Thron streitig machen und zuerst aufs Klo. Als ich dann wild gestikulierend auf meine Nase und das Papier deutete hat er es glücklicherweise verstanden und gelacht.

Ansonsten war das Museum ganz nett, aber eher etwas für Sophie. Ich hätte gerne mit Ihr alles in Ruhe entdeckt und erklärt, allerdings waren die Kleinen nur für die Dinge zu begeistern, die sich bewegt haben und bei denen man selbst etwas machen konnte. Highlight waren die Hühnereier im Brutkasten. Da schlüpfte Küken nach Küken. Was allerdings danach mit denen passiert, möchte ich lieber nicht wissen.

Irgendwann waren wir dann wieder auf dem Weg nach draußen. Es war sechs Uhr, die beiden Kleinen entsprechend erschöpft und „leicht reizbar“. Hat aber trotzdem alles ganz gut geklappt, auch dank Sophie. In solchen Situationen beweist sie immer eine ungewöhnliche soziale Intelligenz. Sie merkt vor allem bei Maya sofort, was los ist und kann gefährliche Knatschsituationen im Keim ersticken.
Mir ging es selbst immer noch nicht gut. An der Bushaltestelle bekam ich aus heiterem Himmel starken Brechreiz. Da ich aber nicht auf den mit Wartenden gefüllten Gehsteig reihern wollte und die Weithalsflasche nicht so schnell zur Hand war, ging es dann doch ohne Übergeben. Die Busfahrt nach Hause ging schnell, die Kinder haben die restlichen Kekse vertilgt.
Wir sind im Anschluss Hals über Kopf aus dem Trailerpark geflüchtet, um nicht noch eine Nacht bezahlen zu müssen, und gemütlich an der Küste entlang zu einem Schotterparkplatz irgendwo südlich von Valencia am Strand getuckert.

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