Von der Hitze in die kühlen Berge (10.08 – 22.08)

Wie die Sardinen auf Sardinien

Ich muss sagen, dass ich erleichtert war Sardinien zu verlassen. Wenn es so heiß ist, muss man den ganzen Tagesablauf nach der Hitze richten. Mittags kann man keinesfalls im Bus sein. 45 Grad waren es da drinnen. Kochen zu Mittag ist dann zum Beispiel nicht möglich. Morgens und abends war es kurz auszuhalten, wobei es auch Nächte gab, in denen wir uns lieber draußen in der Hängematte von Mücken zerstechen ließen als die ganze Nacht im Halbschlaf von Waldbrand- Träumen heimgesucht zu werden. Mittags quetschten wir uns also mit den anderen Touristen wie die Sardinen an den Sandstrand, während wir uns abends nicht entscheiden konnten zwischen stickigem Bus oder Mückenplage.

Die Rückfahrt mit der Fähre war geprägt von einer Stimmung des Aufbruchs ins neue, ins bessere Leben auf dem verheißungsvollen Festland. Die Fähre ging spät und wir waren lange wach, beobachteten gespannt die Ankunft der Fähre und turnten in der lauen Nachtluft im Hafen herum. Die Kabine war wie immer ein Highlight. Wir fühlten uns wie im Hotel: Da gab es Betten, extra für uns gemacht mit weißen Laken, im winzigen Bad stehen Pappbecher und kleine eingepackte Seifen. Alles wurde voll Begeisterung erkundet, ein kurzer Streit über die Bettenbelegung ging in allgemeiner Erschöpfung und Müdigkeit unter und wir schliefen selig in unserem kleinen Hotelzimmer.

Um 16 Uhr am Hafen, Abfahrt Mitternacht. Da bleibt gerade noch Zeit, den sardischen Waldschrat wieder zivilisationstauglich zu machen.

Der nächste Morgen zog sich allerdings hin. Normalerweise gibt es das von uns Eltern gefürchtete „Spielzimmer“ mit ekligem dreckigem Bällebad, Bildschirmen, die von Kindern wie paralysiert angestarrt werden, und Bilder mit hässlichen großäugigen Figuren die mit giftigen Filzstiften ausgemalt werden können. Wir erwarteten den Besuch dieses Raumes mit einer Mischung aus Abneigung und Erleichterung. Erleichterung natürlich deshalb, weil die Kinder dort für einige Stunden glücklich und beschäftigt wären. Die Frage, ob, wann und wie lange und vor allem in wessen Begleitung (Ich hatte einen Horror davor diesen Raum zu betreten) die Kinder sich dort aufhalten würden, erübrigte sich. Der Raum war gesperrt mit dem üblichen Hinweis auf Corona Hygienemaßnahmen.

Nun mussten wir also ran. Ich versuchte die Kinder zu einer Morgengymnastik an Deck zu begeistern. Die Rettung erschien plötzlich im Meer in Form eines Schwarms Delfine!! Das hatten wir nicht erwartet. Was für ein tolles Erlebnis. Wie gut, dass der schlimme Raum geschlossen war.

Und hoch die Beine!

Überraschende Campervan- Stadt und eine Einladung

In der Nähe von Genua fanden wir einen bemerkenswerten Parkplatz. Anfangs wirkte er wie ein ganz normaler Parkplatz (auf dem man nichts bezahlen musste! Hallelujah, endlich nicht mehr 20 Euro für einen schäbigen, ganz normalen Parkplatz auf Sardinien bezahlen!). Man konnte einen kleinen Weg entlang zu einem Fluss laufen. Dort gab es einen schönen Platz mit Grillmöglichkeit, Tischen und Bänken und einer netten, in die Bäume aufgehängten Bank zum Schaukeln. Der Fluss war klar und kühl und Abends konnte man ein Lagerfeuer im Flussbett machen.

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Kohlekunst Galerie
Es ist sogar noch etwas sardischer Wein übrig

Dann kamen die Spanier. Es war eine größere Gruppe von Leuten die in farbenfrohen ausgebauten Leicht-LKWs kamen. Sie wirkten etwas runtergekommen, hatten Unmengen von Hunden dabei und drehten ihre Trance Musik gerne mal bis zum Anschlag auf. Außerdem haben sie uns völlig und gnadenlos zugeparkt. Es herrschte Festivalstimmung. Einerseits war das irgendwie toll. Wir kamen uns richtig spießig vor. Ein ganz neues Gefühl für uns. Andererseits bin ich kein großer Fan von großen Hunden die meinen, dass direkt vor unserer Bustür ihr Revier anfängt. Oder von Männern, die einfach in die Büsche pinkeln. Das stinkt. Aber irgendwie fühlten wir uns wohl. Eine unerwartete, spontane, chaotische, laute Wagenburg mit Leuten verschiedener Nationen. Mitten in der zweiten Nacht war der Spuk dann so plötzlich vorbei, wie er begonnen hatte. Diverse LKWs liefen eine halbe Stunde im Leerlauf und puff – weg waren sie alle.

Völlig überraschend kam auch eine Einladung von einem Italiener. Er sprach uns auf den Bus an und lud uns spontan zum Essen bei sin ein. Wir waren irritiert. Warum macht er das? Was will er von uns? War der nicht irgendwie komisch? Vielleicht ist er ein Psychokiller. Oder er will den Bus klauen. Wenn wir da ankommen, warten schon seine Schläger-Freunde, jagen uns aus dem Bus und fahren mit ihm davon. Wir überlegten hin und her. Micha stellt sich so ein Essen auch anstrengend vor. Worüber sollten wir uns unterhalten? Schließlich traf ich eine Entscheidung: Wir machen das. Wofür reisen wir denn? Hier haben wir die Gelegenheit mit Menschen aus der Gegend in Kontakt zu kommen, sehen wie sie leben, das echte Italien kennenlernen.

In Ricardos Küche.

Es war nett, er hatte einen Salat und einen Püree aus Kichererbsenmehl vorbereitet. Wir besichtigten seinen Gemüsegarten und die Werkstatt. Das Haus gehörte seinen Eltern, die aber nicht zu Hause waren. Er war vorher ein Lokführer in Österreich gewesen (sprach aber kein Wort deutsch), kam dann aber nach Hause um, so haben wir das verstanden, Unstimmigkeiten in seiner Familie zu regeln. Er war ein total überzeugter Anhänger von einer Wasserfilteranlage, von denen er auch einige verkaufte. Dieses gefilterte Wunderwasser sollte Krankheiten heilen und sogar dafür gesorgt haben, dass seine Familie sich wieder versöhnt hat. Wir hörten uns das an, nickten lächelnd und tranken das Wasser zum Essen. Wir haben nichts gemerkt. Scheinbar reichen sogar ein paar Tropfen davon zum Abspülen, ganz ohne Spülmittel. Naja…

Danach wurde es erst mal wieder touristisch. Südtirol, Gardasee. Wir blieben dort eine Nacht und einen Tag, einfach weil wir mit den Kindern nicht immer so durchrasen können. Sie brauchen Pausen.

Auf dem Weg zur Liegewiese, indian style…

Die Nacht allerdings war ein Erlebnis der ganz anderen Art. Wir waren, der ohrenbetäubend lauten (und schlechten) Musik vom Campingplatz nebenan zum Trotz erschöpft eingeschlafen. Plötzlich werden wir von Explosionen aus dem Schlaf gerissen. Jugendliche mit Böllern, die sich einen Spaß draus machen die unter den Bus zu werfen? Nach einigen Sekunden ist dann aber klar: Das ist ein kleiner LKW, von dessen Ladefläche das abendliche Campingplatzfeuerwerk abgebrannt wird. So richtig professionell, mit Computersteuerung. Dementsprechend schnell getaktet starten die Raketen. Gelegentlich prasselt unverbranntes Feuerwerk aufs Dach. Danach setzt die furchtbare Musik wieder ein. Wir wussten gar nicht, wie schrecklich moderne Partymusik klingt und können noch nicht einmal das Genre benennen. Sind wir wirklich so alt und uncool geworden?

Mobile Kurzstreckenraketen

Am Gardasee fragen wir uns mal wieder, was alle immer daran finden. Es war geradezu unmöglich einen Stellplatz zu finden. Der Wohnmobilplatz (der offensichtlich noch freie Plätze hatte) wollte uns nicht haben. Vielleicht wegen der großen Reifen, dem fehlenden „Normalfaktor“ – wir wissen es nicht. Der See an sich war trüb und pippiwarm. Hier hielt es uns nicht lange uns wir zogen bald weiter Richtung Österreich.

Erwacht vom Mittagsschlaf. Der See im Hintergrund war wie eine Badewanne. Irgendwie eklig.

Das Glück der Berge

Ich war zunehmend begeistert von den wunderschönen Bergen. Die Luft wurde mit jedem gefahrenen Meter frischer und irgendwie klarer. Ich konnte plötzlich verstehen, warum mein Bruder sich Österreich als Wahlheimat ausgesucht hatte. Der Betreiber des Stellplatzes, den wir uns ausgesucht hatten, erinnerte uns allerdings auch, dass wir uns Deutschland nähern. Als wir fünf Minuten nach der Checkoutzeit mit Geld in der Hand kamen um eine weitere Nacht zu bleiben, ließ er es sich nicht nehmen zu sagen: „Bisschen spät! Zwölf Uhr, gilt für alle!“. Aber das Restaurant war ganz lecker und wurde immerhin mit den Stellplatzgebühren verrechnet.

Direkt neben dem Stellplatz fuhr die sogenannte „Rappelbahn“, ein alter Sessellift, hoch zur Seiseralm. Den Spaß konnten wir uns nicht entgehen lassen und sind hoch gefahren, ohne zu wissen, was uns oben erwarten würde: Ein schöner Spielplatz, Sachertorte mit Kakao und freilaufende, melonengeile Zwergziegen.

Auf dem Weg zum Brenner haben wir noch einen Tag in Bozen verbracht. Nett, aber total überfüllt. Am Ende wollten die Kleinen unbedingt auf dieses winzige, überteuerte Karussell. Wollten wir nicht bezahlen, aber neuerdings gibt es bei uns regelmäßiges Taschengeld. Also investierten Maya und Benjamin den einen Euro, entgegen mehrfacher anderslautender Ratschläge Ihrer erfahrenen alten Herrschaften… Was soll man sagen. Seht Euch das Foto an. Maya hat es genossen, aber Benjamin war ziemlich schnell klar, dass das eine Fehlinvestition war. Das tat uns wirklich Leid, aber der Lerneffekt war hoffentlich die blöde Erfahrung wert.

Abends ging es noch „schnell“ über den Brenner, bevor wir uns ein Nachtlager gesucht haben. Wir standen auf einem Stellplatz direkt an einem glasklaren, eisblauen Fluss, nur eine halbe Stunde oberhalb von Innsbruck. Ich ging stundenlang spazieren. Mein Bruder Max kam. Obwohl die Kinder ihn so lange nicht gesehen hatten, dass ich mir sicher war, sie würden sich gar nicht an ihn erinnern, freuten sich sich wie verrückt, klammerten sich an ihn und beschlagnahmten ihn die ganze Zeit. Auch Max freute sich, und ich natürlich auch.

Sophie wollte immer schon mal richtig wandern gehen, was aber mit den Kleinen bisher nicht möglich war. Und so machten Max, Sophie und ich eine Wanderung zu einem See. ~600 Höhenmeter, 2,5 Stunden Aufstieg. Ich hörte von Sophie kein einziges Wort der Klage. Ich war so voller Freude, mich mit Max zu unterhalten, dass ich darauf achten musste, Sophie nicht völlig aus dem Gespräch auszuschließen. Aber sie beschwerte sich nicht, hielt tapfer Schritt und genoss den Tag so sehr wie wir. Wir machten Rast und ich bewunderte die Berge, die Landschaft und die grünen Wiesen so ausgiebig, dass Sophie und Max sich über mich lustig machten. Ich merkte mit jeder Faser, dass ich hier sein wollte. Endlich keine Hitze, kein Sand. Nur klare, frische Bergluft, das Läuten der Kuhglocken, die schneebedeckten Berge.

Oben erwartete uns ein kalter Bergsee. Ich war völlig geschafft und wollte keinen Schritt mehr gehen. Und erst recht nicht in diesen unsäglich kalten See springen! Aber Max ließ nicht locker: Es wäre so gut für den Kreislauf, die Muskeln, danach hätte ich wieder Energie… und so weiter. Ich jammerte noch eine Weile vor mich hin, obwohl mir von Anfang an klar war, dass ich mir diesen See nicht entgehen lassen würde. Wir sprangen splitternackt in das eisige Wasser, es tat weh, herrlich, danach ließen wir uns in der Sonne trocknen. Ich erwähne jetzt lieber nicht, dass Sophie trotz aller Überredungsversuche tatsächlich nicht schwimmen gegangen ist!

Am Abend bin ich sehr früh und sehr glücklich eingeschlafen. Nicht zuletzt wegen der leckeren Knödel in Pilzsauce mit veganen Minifrikadellen, Rotkohl und Salat, die während unserer Abwesenheit im Bus entstanden sind.

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